- Am meisten Wissen geht bei mündlichen Zusagen und Beziehungen verloren – nicht bei Verträgen.
- Das Übergabedokument entsteht vor dem Gespräch, nicht währenddessen.
- Im internen Gespräch fragt die neue Betreuung – nicht die alte erzählt.
- Den Kunden persönlich und rechtzeitig informieren, am besten im gemeinsamen Termin.
- Eine Begleitphase von einigen Wochen einplanen, in der Rückfragen erlaubt sind.
Was bei einer Kundenübergabe verloren geht
Kund:innen wechseln die Betreuung aus vielen Gründen: Eine Kollegin verlässt das Unternehmen, das Team wird neu aufgeteilt, jemand geht in Pension oder in Karenz (Elternzeit). Verträge, Angebote und Rechnungen überstehen solche Wechsel meist problemlos – sie liegen im System. Verloren geht das Wissen, das nur im Kopf der bisherigen Betreuung steckt:
| Wissensart | Beispiel | Wo es meist steckt |
|---|---|---|
| Mündliche Zusagen | „Ab nächstem Jahr machen wir die Einschulung kostenlos.“ | Im Gedächtnis, in einem Telefonat |
| Beziehungen | Wer beim Kunden wirklich entscheidet, wer skeptisch ist | Im Gedächtnis |
| Vorlieben | „Herr Huber will alles telefonisch, nie per Mail.“ | Im Gedächtnis |
| Konflikte | Der verpatzte Rollout vor zwei Jahren, der noch nachwirkt | In alten Mails, im Gedächtnis |
| Laufende Themen | Ein Angebot, das der Kunde im Frühjahr wieder aufgreifen will | Im Postfach der bisherigen Betreuung |
Eine gute Übergabe holt genau dieses Wissen aus dem Kopf aufs Papier. Je besser die Kundenhistorie laufend geführt wird, desto weniger muss in der Übergabe nachgeholt werden.
Der Ablauf in vier Schritten
Plane für eine Übergabe mit Vorlauf etwa vier bis sechs Wochen ein – bei vielen Kund:innen entsprechend mehr. Die Reihenfolge:
- Übergabedokument schreiben (2–4 Wochen vorher): Die bisherige Betreuung fasst pro Kunde den Stand zusammen.
- Internes Übergabegespräch (1–3 Wochen vorher): Beide gehen die Dokumente gemeinsam durch, die neue Betreuung fragt nach.
- Gemeinsamer Termin mit dem Kunden: Die bisherige Betreuung stellt die neue vor, offene Themen werden gemeinsam besprochen.
- Begleitphase (4–6 Wochen danach): Die neue Betreuung übernimmt, die bisherige bleibt für Rückfragen erreichbar.
Bei einer Übergabe zwischen Abteilungen – etwa vom Vertrieb an die laufende Betreuung nach dem Abschluss – sieht der Ablauf ähnlich aus, hat aber einen anderen Schwerpunkt. Dafür gibt es die Vorlage Kundenübergabe und den Ratgeber Übergabe von Sales an Customer Success.
Das Übergabedokument: was pro Kunde hinein muss
Das Dokument entsteht vor dem Gespräch, damit die Zeit zu zweit für Fragen genutzt wird statt für Diktat. Pro Kunde reicht eine Seite:
- Überblick: was wir für den Kunden machen, seit wann, Umfang und Vertrag in einem Satz
- Ansprechpersonen: Name, Rolle, wie gut die Beziehung ist, wer entscheidet, wer skeptisch ist
- Alle offenen Zusagen beider Seiten – auch die mündlichen, mit Datum
- Laufende Themen: Angebote, Projekte, Reklamationen, Verhandlungen
- Vorgeschichte: was gut lief, was schiefging und noch nachwirkt
- Vorlieben und Eigenheiten: Kommunikationsweg, Freigabeprozess, Zeiten, in denen nichts geht
- Risiken und Chancen: Kündigungsgefahr, anstehende Ausschreibung, mögliche Erweiterung
- Fundorte: wo Verträge, Protokolle und wichtige Mails liegen – verlinkt, nicht kopiert
Das interne Übergabegespräch: die neue Betreuung fragt
Im Gespräch geht ihr das Dokument Kunde für Kunde durch. Wichtig ist die Rollenverteilung: Die neue Betreuung stellt die Fragen. Wer nur zuhört, bekommt die Version, die der bisherigen Betreuung wichtig erscheint – nicht das, was die Nachfolgerin braucht. Fragen, die sich bewährt haben:
- „Was hast du dem Kunden versprochen, das nirgends schriftlich steht?“
- „Wen beim Kunden sollte ich als Erstes anrufen – und wen besser nicht zuerst?“
- „Was würde den Kunden dazu bringen, zu kündigen?“
- „Worüber hat sich der Kunde in letzter Zeit geärgert, auch wenn er es nicht offen gesagt hat?“
- „Gibt es Absprachen mit dem Kunden, die von unseren Standardkonditionen abweichen?“
- „Was weiß der Kunde schon über den Wechsel?“
- „Was würdest du an meiner Stelle in den ersten zwei Wochen tun?“
- „Wann und wie erreiche ich dich, wenn danach Fragen auftauchen?“
Ergänze das Übergabedokument direkt im Gespräch um die Antworten. Bei wichtigen Kund:innen lohnt es sich, das Gespräch – mit Einverständnis beider – mitschreiben zu lassen. So kann die neue Betreuung Wochen später nachlesen, was genau zur Vorgeschichte gesagt wurde.
Den Kunden informieren und gemeinsam vorstellen
Der Kunde sollte vom Wechsel nicht über eine Abwesenheitsnotiz erfahren. Am besten informiert ihn die bisherige Betreuung persönlich – am Telefon oder in einem Termin – und kündigt einen gemeinsamen Termin an, in dem sie die Nachfolgerin vorstellt. Danach folgt eine kurze Mail, die den Wechsel bestätigt:
- Betreff: Ihre Betreuung bei Studio Berger ab November
- Guten Tag Herr Steiner, wie besprochen übergebe ich Ihre Betreuung ab 1. November an meine Kollegin Lisa Gruber. Sie kennt Ihr Projekt bereits aus unserer gemeinsamen Vorbereitung, und alle laufenden Themen – insbesondere das Angebot für die Broschüre und die Umstellung der Newsletter – sind übergeben. Frau Gruber ist ab sofort unter … erreichbar. Bis Ende November stehe ich im Hintergrund weiter zur Verfügung. Danke für die gute Zusammenarbeit – Anna Huber
Im gemeinsamen Termin besprecht ihr die offenen Themen, und die neue Betreuung bestätigt die laufenden Zusagen ausdrücklich: „Das Angebot für die Broschüre bekommen Sie wie besprochen bis 24. Oktober.“ Das ist der Moment, in dem das Vertrauen auf die neue Person übergeht.
Wenn keine geordnete Übergabe möglich ist
Manchmal fehlt die Zeit: ein plötzlicher Abgang, eine längere Krankheit, ein kurzfristiger Wechsel. Dann übernimmt die neue Betreuung ohne Gespräch. In diesem Fall hilft ein Notfallablauf:
- Steckbrief, letzte Gesprächsnotizen und das letzte Angebot lesen – das ergibt meist schon den größten Teil des Bildes.
- Bei Kolleg:innen fragen, die mit dem Kunden zu tun hatten, etwa in Buchhaltung oder Technik.
- Den Kunden zeitnah anrufen und offen sagen, dass du übernimmst: „Ich möchte sichergehen, dass nichts verloren geht – was ist aus Ihrer Sicht gerade offen?“
- Alles, was du dabei erfährst, sofort in die Historie eintragen.
Kund:innen reagieren auf diese Ehrlichkeit meist verständnisvoll. Unangenehm wird es erst, wenn die neue Betreuung so tut, als wüsste sie Bescheid, und dann eine Zusage übersieht.
Die ersten Wochen nach der Übergabe
Mit dem gemeinsamen Termin ist die Übergabe nicht abgeschlossen. In den ersten Wochen tauchen die Fragen auf, an die vorher niemand gedacht hat. Vereinbart deshalb ausdrücklich, dass Rückfragen an die bisherige Betreuung erlaubt sind, und legt fest, wie lange – etwa bis Monatsende.
Nach vier bis sechs Wochen lohnt ein kurzer Anruf beim Kunden: „Wie läuft es mit der neuen Betreuung? Fehlt Ihnen etwas?“ Das zeigt, dass der Wechsel ernst genommen wird, und bringt Lücken ans Licht, solange sie noch klein sind. Intern hilft eine Frage an beide Seiten: Was hätten wir bei der Übergabe besser machen können? Die Antworten machen die nächste Übergabe leichter. Wenn jemand das Unternehmen ganz verlässt, gehört die Kundenübergabe in den größeren Rahmen des Wissenstransfers – eine passende Vorlage dafür ist die Übergabe bei Jobwechsel.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Stand der Angaben: 8. Oktober 2026.