- Eine Retro hat nach Esther Derby und Diana Larsen fünf Phasen: einstimmen, Daten sammeln, Erkenntnisse gewinnen, Maßnahmen beschließen, abschließen.
- Die meisten bekannten Formate sind Methoden für die Sammelphase – sie unterscheiden sich vor allem in den Fragen.
- Für die Ursachensuche eignen sich „5 Warum“, Fischgräte und Punkte-Abstimmung.
- Format wechseln, wenn die Retro vorhersehbar wird – aber nicht jedes Mal ohne Grund.
- Am Ende zählen ein bis drei Maßnahmen mit Namen, nicht die Zahl der Klebezettel.
Der Rahmen: fünf Phasen einer Retrospektive
Bevor du eine Methode auswählst, lohnt der Blick auf das Gerüst. Esther Derby und Diana Larsen haben in ihrem Buch „Agile Retrospectives“ (2006) einen Ablauf in fünf Phasen beschrieben, an dem sich bis heute die meisten Retros orientieren. Jede Methode auf dieser Seite gehört in eine dieser Phasen:
- Einstimmen (Set the stage): Ziel und Rahmen klären, alle kommen einmal zu Wort – etwa mit einer kurzen Check-in-Frage.
- Daten sammeln (Gather data): Was ist im Zeitraum passiert, wie haben es die Einzelnen erlebt?
- Erkenntnisse gewinnen (Generate insights): Muster und Ursachen erkennen statt Symptome aufzählen.
- Maßnahmen beschließen (Decide what to do): wenige, konkrete Änderungen auswählen.
- Abschließen (Close): Ergebnis festhalten, Rückmeldung zur Retro selbst, Dank.
In Scrum ist die Sprint-Retrospektive ein festes Ereignis; der Scrum Guide begrenzt sie auf höchstens drei Stunden bei einem einmonatigen Sprint, bei kürzeren Sprints entsprechend weniger. Viele Teams beginnen außerdem mit der „Prime Directive“ von Norm Kerth – sinngemäß: Wir gehen davon aus, dass alle mit ihrem damaligen Wissen, ihren Fähigkeiten und Mitteln ihr Bestes gegeben haben. Der Satz verschiebt die Diskussion von Schuld zu Ursachen.
Methoden zum Sammeln: die bekannten Formate
Die meisten Formate, die unter eigenem Namen kursieren, sind Varianten derselben Idee: Ein Board mit Spalten, jede Person sammelt still Punkte, danach wird gemeinsam sortiert. Der Unterschied liegt in den Fragen – und die lenken das Gespräch stärker, als man denkt.
| Methode | Spalten oder Fragen | Passt, wenn … |
|---|---|---|
| Gut / Schlecht / Ideen | Was lief gut? Was nicht? Was wollen wir ausprobieren? | das Team neu mit Retros ist oder es schnell gehen muss |
| Start, Stop, Continue | Was fangen wir an? Was hören wir auf? Was behalten wir bei? | ihr konkrete Verhaltensänderungen sucht |
| Mad, Sad, Glad | Was hat geärgert? Was enttäuscht? Was gefreut? | eine anstrengende Phase hinter euch liegt und Gefühle mitschwingen |
| 4L | Liked, Learned, Lacked, Longed for – gemocht, gelernt, gefehlt, ersehnt | nach Projektphasen der Lerneffekt im Vordergrund steht |
| Segelboot | Wind (treibt an), Anker (bremst), Klippen (Risiken), Insel (Ziel) | ihr auch nach vorn schauen wollt, etwa vor einem Meilenstein |
| Seestern | Mehr davon, weniger davon, beibehalten, anfangen, aufhören | ein eingespieltes Team feiner abstufen will als nur gut oder schlecht |
| Zeitstrahl | Ereignisse auf einer Zeitachse, darüber die Stimmungskurve jeder Person | der Zeitraum lang war oder viel passiert ist, etwa am Projektende |
Ein Beispiel, wie die Fragen lenken: Bei „Gut / Schlecht“ landet ein überraschend abgesprungener Kunde unter „Schlecht“. Beim Segelboot taucht dieselbe Sorge als „Klippe“ auf – und das Team spricht automatisch darüber, wie es sie umschifft, statt nur zu bedauern, was passiert ist.
Methoden für die Ursachensuche
Die Sammelphase liefert Symptome. Wer direkt von dort zu Maßnahmen springt, beschließt oft Pflaster: „Wir schätzen besser“ statt einer Lösung für den eigentlichen Grund. Diese drei Werkzeuge helfen, tiefer zu gehen:
5 Warum: Ihr fragt so lange „Warum?“, bis eine Ursache auftaucht, an der ihr etwas ändern könnt. Fünf ist dabei eine Faustzahl, keine Pflicht. Ein Beispiel aus einem Webprojekt:
- Das Release kam zwei Tage zu spät. – Warum?
- Weil die Tests am Ende fehlschlugen. – Warum?
- Weil die Testumgebung andere Daten hatte als die Live-Umgebung. – Warum?
- Weil niemand für die Testdaten zuständig ist. – Warum?
- Weil die Aufgabe beim Wechsel von Herrn Gruber ins andere Team nicht übergeben wurde.
Die Maßnahme lautet dann nicht „besser testen“, sondern „Frau Leitner übernimmt die Pflege der Testdaten, Übergabe bis Freitag“.
Fischgräte (Ishikawa-Diagramm): Das Problem steht am Kopf, die Gräten sind Kategorien wie Menschen, Abläufe, Werkzeuge und Umfeld. Gut, wenn mehrere Ursachen zusammenspielen und das Team sie ordnen will.
Punkte-Abstimmung: Jede Person vergibt drei Punkte an die Themen, die sie vertiefen will. So bearbeitet ihr die zwei, drei wichtigsten Themen gründlich, statt zehn oberflächlich.
Maßnahmen und Abschluss
Eine Retro ist so gut wie die Maßnahmen, die danach tatsächlich umgesetzt werden. Beschließt höchstens drei, und formuliert jede so, dass im nächsten Termin klar ist, ob sie erledigt ist: wer, was, ab wann – und woran ihr merkt, dass sie wirkt. „Besser kommunizieren“ ist keine Maßnahme; „Ab Montag schreibt die Person, die ein Ticket blockiert, das im Daily als Erstes an“ schon.
Für den Abschluss eignen sich kurze Formate, die der Moderation Rückmeldung geben:
- ROTI (Return on Time Invested): Jede Person zeigt mit 0 bis 5 Fingern, wie gut die Zeit investiert war.
- Plus / Delta: Was war an dieser Retro gut, was ändern wir beim nächsten Mal?
- Danke-Runde: Wer möchte, dankt jemandem im Team für etwas Konkretes aus dem Zeitraum.
Halte die Maßnahmen schriftlich fest und beginne die nächste Retro damit. Die passende Struktur dafür liefert die Vorlage Retrospektive.
Welche Methode in welcher Situation?
Wenn du unsicher bist, hilft diese Zuordnung als Startpunkt:
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Normaler Sprint, wenig Zeit (30 Minuten) | Start, Stop, Continue mit Punkte-Abstimmung |
| Turbulente Phase, Spannungen im Team | Mad, Sad, Glad – mit viel Zeit fürs Zuhören und einer klaren Vertraulichkeitsabsprache |
| Ende eines Projekts oder großen Meilensteins | Zeitstrahl plus 4L – oder gleich ein Lessons-Learned-Meeting |
| Neues Team, erste Retro | Gut / Schlecht / Ideen, damit das Format nicht im Weg steht |
| Team findet Retros langweilig | Segelboot oder Seestern, dazu ein ungewohnter Ort oder ein anderes Board |
| Immer wieder dasselbe Problem | Kurze Sammelphase, dann „5 Warum“ oder Fischgräte für genau dieses Thema |
| Nach einem Ausfall oder schweren Fehler | Kein Retro-Spiel, sondern ein strukturiertes Post-Mortem |
Retros online durchführen
Online funktionieren Retros gut, wenn du drei Dinge beachtest. Erstens: Sammle still auf einem digitalen Whiteboard, mit fester Zeit, bevor jemand etwas vorliest – sonst prägt die erste Wortmeldung alle weiteren. Zweitens: Lass Karten bei heiklen Themen anonym zu; viele Whiteboards erlauben das. Drittens: Plane kürzer und mit Pause. 90 Minuten Videocall am Stück sind anstrengender als 90 Minuten im Raum.
Wer Abwechslung sucht, findet im frei zugänglichen Retromat eine große Sammlung von Übungen für alle fünf Phasen, auch auf Deutsch. Das ist hilfreich, um gelegentlich etwas Neues auszuprobieren. Wichtiger als die Methode bleibt aber, dass die Maßnahmen der letzten Retro jedes Mal auf dem Tisch liegen. Welche Fragen du in jeder Phase stellen kannst, sammelt Fragen für die Retrospektive.
Typische Fehler bei der Methodenwahl
Methoden lösen keine Grundprobleme. Wenn diese Muster auftreten, liegt es selten am Format:
- Jede Woche ein neues Spiel, aber nie eine umgesetzte Maßnahme – das Team verliert das Vertrauen in die Retro.
- Immer dasselbe Format, bis die Antworten vorhersehbar sind und niemand mehr ehrlich nachdenkt.
- Die Führungskraft dominiert, und die anderen sammeln vorsichtige Punkte. Dann hilft eher eine externe Moderation als ein neues Board.
- Sammelphase ohne Ursachensuche – das Board ist voll, die Maßnahmen bleiben oberflächlich.
- Kritik an Personen statt an Abläufen. Hier hilft es, die Prime Directive zu Beginn ernsthaft zu besprechen.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Stand der Angaben: 8. Oktober 2026.