„Wörtlich“ ist mehrdeutig
Im Alltag heißt wörtlich nur: nicht zusammengefasst. In diesem Sinn ist auch eine einfache Transkription wörtlich, denn dort wird jedes inhaltliche Wort aufgeschrieben. Als Fachbegriff meint „wörtliche Transkription“ aber mehr: Auch das, was beim Glätten wegfiele, bleibt stehen – „äh“, „ähm“, Stottern, „das, das“, Selbstkorrekturen, Lachen, Räuspern.
Wer in einem Auftrag oder einer Arbeit „wörtlich“ schreibt, sollte deshalb genau sagen, was gemeint ist. Am saubersten geschieht das über ein benanntes Regelwerk – siehe Transkriptionsregeln.
Was eine wörtliche Transkription festhält
Je nach Regelwerk unterschiedlich fein, typischerweise aber:
- Fülllaute und Zögern: „äh“, „ähm“, „hm“ in einheitlicher Schreibweise
- Abbrüche und Neustarts: „Wir haben die Lie/ die Rechnung geschickt“
- Pausen: mit Länge, etwa „(.)“ für rund eine Sekunde oder „(4)“ für vier Sekunden
- Überlappungen: wenn zwei gleichzeitig sprechen, zum Beispiel mit „//“ markiert
- Nichtsprachliches: (lacht), (seufzt), (Telefon klingelt)
- Umgangssprache und Dialekt: oft so, wie gesprochen – „hamma“ statt „haben wir“
Sehr detaillierte Systeme der Gesprächsforschung gehen weiter und notieren auch Tonhöhenverlauf, Lautstärke, Dehnungen und hörbares Atmen. Das ist dann nicht mehr nur wörtlich, sondern eine eigene Notation.
Wann sich der Aufwand lohnt
Wörtlich transkribiert man, wenn die Form der Rede Teil der Daten ist. Typische Fälle sind Gesprächs- und Diskursanalyse, Sprachwissenschaft, manche psychologische und biografische Forschung oder die genaue Dokumentation einer Vernehmung oder Anhörung. Ein langes Zögern vor einer Antwort, eine Selbstkorrektur oder ein Lachen können dort die Deutung verändern.
Der Preis ist hoch: Das Transkript wird länger, schwerer lesbar, und das Erstellen dauert deutlich länger als bei geglätteten Regeln. Für Experteninterviews, Kundengespräche oder Meetings bringt es meist keinen Mehrwert.
Nicht zu verwechseln mit dem Wortprotokoll
Ein Wortprotokoll – etwa im Parlament – gibt Reden zwar im Wortlaut wieder, wird aber redigiert: Versprecher und Füllwörter verschwinden, damit es lesbar und offiziell zitierbar ist. Eine wörtliche Transkription macht genau das Gegenteil und bewahrt diese Spuren.
Auch automatische Spracherkennung liefert selten eine echte wörtliche Transkription. Viele Systeme lassen Fülllaute weg oder glätten Sätze. Wer wörtliche Transkripte braucht, muss das automatische Ergebnis gegen die Aufnahme prüfen und ergänzen.
In der Praxis: zwei Durchgänge statt einem
Bewährt hat sich, wörtliche Transkripte in zwei Schritten zu erstellen. Im ersten Durchgang geht es nur um den Wortlaut: Wer sagt was, in welcher Reihenfolge. Im zweiten Durchgang hörst du gezielt auf das, was beim ersten Mal untergeht – Pausenlängen, Überlappungen, Abbrüche, Lachen. Beides gleichzeitig zu erfassen, überfordert selbst geübte Schreibkräfte.
Hilfreich sind dabei eine Software, die die Wiedergabe per Tastenkürzel stoppt und ein paar Sekunden zurückspringt, ein guter Kopfhörer und eine verlangsamte Wiedergabe für schwierige Stellen. Und: regelmäßige Pausen, denn nach einigen Stunden konzentrierten Zuhörens steigt die Fehlerquote spürbar.
Wörtlich: B: Also ich hab, ähm (2) ich hab ehrlich gsagt nicht damit gerechnet, dass die/ dass der Vorstand (lacht) so schnell zustimmt.
Geglättet: B: Also ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass der Vorstand so schnell zustimmt.
Die Pause, die Selbstkorrektur und das Lachen sagen etwas über die Überraschung der Sprecherin aus – in der geglätteten Fassung ist das verloren.
Dieser Eintrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung.