Lexikon · Transkription & Audio

Was ist inhaltlich-semantische Transkription?

Kurz erklärt

Die inhaltlich-semantische Transkription ist ein Regelsystem von Thorsten Dresing und Thorsten Pehl für Interviews: Es wird jedes Wort aufgeschrieben, aber leicht geglättet, damit der Inhalt im Vordergrund steht. Es baut auf Regeln von Kuckartz und Kolleg:innen auf.

Auch genannt: semantisch-inhaltliche Transkription · Transkription nach Dresing/Pehl

Herkunft: ein Regelwerk aus der Forschungspraxis

Dresing und Pehl betreiben in Marburg einen Transkriptionsdienst und Software für qualitative Forschung. Ihr „Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse“ erschien erstmals 2011, die 9. Auflage von 2024 gibt es kostenlos als PDF. Die Regeln gehen auf einen bewusst einfachen Vorschlag von Udo Kuckartz und anderen aus dem Jahr 2008 zurück, den die beiden aus der Arbeit mit vielen Schreibkräften konkretisiert haben.

2023 wurde das System gründlich überarbeitet: Statt vieler Einzelfälle gibt es jetzt fünf kurze Regeln, dazu optionale Module und Hinweise zur Schreibweise. Wer in einer Arbeit „nach Dresing/Pehl“ zitiert, sollte deshalb die Auflage angeben – ältere Fassungen hatten deutlich mehr nummerierte Regeln.

Die fünf Regeln der Fassung von 2023

Zusammengefasst sieht das Grundgerüst so aus:

  • Jedes Wort aufschreiben: auch holprige Sätze so, wie sie gesprochen wurden. Verschleifungen und Dialekt werden ans Schriftdeutsch angenähert, sofern das eindeutig geht. Unverständliches wird als „(unv.)“ markiert, vermuteter Wortlaut mit Fragezeichen in Klammern.
  • Kurze Antworten ja, Verstehenssignale nein: „hm“, „ja“, „genau“ fallen weg, wenn sie den Redefluss nur begleiten – und werden notiert, wenn sie eine Frage beantworten.
  • Deutliche Pausen festhalten: ab etwa drei Sekunden als „(…)“.
  • Emotionen und Betonung notieren: Lachen oder Seufzen in Klammern, besonders betonte Wörter in VERSALIEN.
  • Einheitlich gestalten: jeder Redebeitrag ein eigener Absatz mit Kürzel und Doppelpunkt (I:, B1:, Herr Huber:), auch kurze Antworten.

Module für mehr Detail

Reicht das nicht, lassen sich einzelne Module zuschalten – je nachdem, was die Forschungsfrage braucht. Dazu gehören: Wort- und Satzabbrüche mit „/“ markieren, Wortdoppelungen immer notieren, Pausen nach Länge abstufen („(.)“ für etwa eine Sekunde bis „(Zahl)“ für längere), Fülllaute wie „ähm“ und Rezeptionssignale aller Personen aufschreiben, „hm“ mit Deutung versehen („hm (bejahend)“) sowie Überlappungen mit „//“ kennzeichnen.

Mit allen Modulen nähert sich das Ergebnis einer wörtlichen Transkription. Der Vorteil des modularen Aufbaus: Du dokumentierst genau, welche Details erfasst sind, statt pauschal „wörtlich“ oder „einfach“ zu schreiben.

Abgrenzung zur einfachen Transkription

„Einfache Transkription“ ist ein Sammelbegriff für geglättete Verschriftlichung, ohne festes Regelwerk. Die inhaltlich-semantische Transkription ist ein konkretes, veröffentlichtes System dieser Art – mit definierten Zeichen, Kürzeln und Schreibweisen. In Methodenteilen von Abschlussarbeiten ist deshalb die genaue Quellenangabe wichtiger als das Etikett.

Neben den Regeln enthält das Praxisbuch Hinweise zur einheitlichen Schreibweise, die vor allem helfen, wenn mehrere Personen transkribieren: Zögerungslaute immer „ähm“, Partikeln immer „hm“, Einheiten und gesprochene Zeichen ausgeschrieben („Euro“, „Paragraf“), Abkürzungen nur dann, wenn sie so gesprochen wurden, die Höflichkeitsform „Sie“ groß, „du“ klein. Solche Kleinigkeiten entscheiden später darüber, ob eine Suche im Material alle Stellen findet.

Für die Gesprächsanalyse, in der Intonation und Überlappungen zählen, ist sie nicht gedacht. Dort werden Systeme wie GAT 2 verwendet, mehr dazu unter Transkriptionsregeln.

Beispiel
Kurzer Ausschnitt nach den Grundregeln

I: Wie hat das Team auf die neue Schichtplanung reagiert? #00:14:02#

B: (lacht) Also begeistert war am Anfang NIEMAND. (…) Aber nach zwei Monaten hat keiner mehr zurückwollen. #00:14:19#

I: Woran lag das? #00:14:21#

B: Weil die Wochenenden planbar geworden sind. #00:14:24#

Ein „mhm“ der Interviewerin während der Antwort wurde nicht notiert – es unterbricht den Redefluss nicht.

Dieser Eintrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung.

Häufige Fragen
Wie zitiere ich die Transkriptionsregeln nach Dresing/Pehl?

Zum Beispiel: Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten: Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. 9. Auflage. Marburg, 2024. Gib die Auflage an, weil sich die Regeln zwischen den Fassungen geändert haben.

Werden „ähm“ und „hm“ transkribiert?

In den Grundregeln nicht, außer „hm“ oder „ja“ beantwortet eine Frage. Über ein Erweiterungsmodul lassen sich Fülllaute und Rezeptionssignale aller Personen aufnehmen.

Was bedeutet „(unv.)“ im Transkript?

Es steht für ein unverständliches Wort oder eine unverständliche Passage. Vermutet man den Wortlaut, schreibt man ihn mit Fragezeichen in Klammern.

Ist das dasselbe wie die Regeln nach Kuckartz?

Es baut darauf auf. Dresing und Pehl haben die Regeln von Kuckartz et al. aus 2008 weiterentwickelt und konkretisiert.

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