Warum es Regeln braucht
Wer zum ersten Mal ein Interview abtippt, steht nach zwei Minuten vor lauter kleinen Entscheidungen: Schreibe ich „hamma“ oder „haben wir“? Kommt das „ähm“ hinein? Ist eine Pause von drei Sekunden der Rede wert? Was mache ich mit einem Satz, der mittendrin abbricht?
Ohne Regeln entscheidet jede Person anders – oft sogar dieselbe Person an unterschiedlichen Tagen. Das macht Transkripte schwer vergleichbar, Suchen werden unzuverlässig, und in der Forschung ist die Auswertung nicht mehr nachvollziehbar. Ein Regelsystem beantwortet diese Fragen einmal, vor Beginn, für alle Beteiligten. Wichtig ist dabei die Einsicht, dass jedes Transkript eine Auswahl ist: Mimik, Gestik und Raum fehlen immer. Die Regeln legen offen, welche Auswahl getroffen wurde.
Was Transkriptionsregeln typischerweise festlegen
Fast jedes Regelsystem beantwortet dieselben Fragen, nur unterschiedlich fein:
- Glättung: Wird Dialekt angenähert, werden Füllwörter und Stottern weggelassen?
- Pausen: ab welcher Länge, und wie notiert – „(…)“ oder mit Sekundenangabe
- Unverständliches: etwa „(unv.)“, vermuteter Wortlaut mit Fragezeichen
- Sprecherkennzeichnung: Kürzel wie I: und B1:, eigener Absatz pro Beitrag
- Zeitmarken: wo und wie oft, in welchem Format
- Nichtsprachliches: Lachen, Seufzen, Störgeräusche
- Schreibweisen: Zahlen, Einheiten, Abkürzungen, Anrede
Verbreitete Systeme im deutschsprachigen Raum
Welches System passt, hängt davon ab, ob dich der Inhalt oder die Art des Sprechens interessiert:
| System | Fokus | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Regeln nach Kuckartz et al. (2008) | Inhalt, bewusst einfach und schnell erlernbar | Qualitative Inhaltsanalyse, Evaluation |
| Inhaltlich-semantische Transkription nach Dresing/Pehl | Inhalt, leicht geglättet, mit optionalen Erweiterungsmodulen | Interviews in Abschlussarbeiten und Forschungsprojekten |
| GAT 2 (Selting et al. 2009) | Wie gesprochen wird: Betonung, Tonhöhe, Überlappungen; Minimal-, Basis- und Feintranskript | Gesprächsanalyse, Linguistik |
Die inhaltlich-semantische Transkription baut ausdrücklich auf den Regeln von Kuckartz und Kolleg:innen auf. Beide gehören zur Familie der einfachen Transkription. GAT 2 steht für das andere Ende: eine sehr genaue, wörtliche Transkription mit eigener Notation, die entsprechend mehr Zeit kostet.
So wählst du das passende System
Die Leitfrage lautet: Was willst du später auswerten? Wenn es um Meinungen, Erfahrungen und Argumente geht, reicht ein inhaltliches System – und mehr Detail kostet nur Zeit. Wenn die Gesprächsorganisation selbst untersucht wird, also Pausen, Unterbrechungen oder Betonungen, brauchst du ein feineres.
Drei praktische Punkte: Lege die Regeln vor dem ersten Transkript fest, nicht danach. Nenne im Methodenteil das System samt Quelle und Auflage, und erwähne eigene Abweichungen. Und wenn du automatisch transkribieren lässt: Das Ergebnis folgt keinem dieser Systeme von selbst, du musst es danach an deine Regeln anpassen.
Wenn mehrere Personen transkribieren, lohnt sich ein kurzer Probelauf: Alle transkribieren dieselben fünf Minuten nach den Regeln, danach werden die Fassungen verglichen. Die Unterschiede zeigen sofort, wo die Regeln noch Lücken haben – etwa bei Zahlen, englischen Begriffen oder der Frage, ob ein „genau“ als Antwort zählt.
Inhaltlich-semantisch: B: Wir haben dann im Herbst einfach angefangen. (…) Ohne Förderung.
Feiner, gesprächsanalytisch: B: wir ham dann im HERBST einfach ANgefangen; (3.0) ohne FÖRderung.
Die zweite Fassung zeigt Betonung und die genaue Pause – für eine Inhaltsanalyse ist das meist mehr, als gebraucht wird.
Dieser Eintrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung.