Meetings · 5 Min. Lesezeit

Zoom-Fatigue: Warum Videocalls so müde machen – und was hilft

Zoom-Fatigue ist die Erschöpfung nach vielen Videocalls. Sie liegt nicht am Programm, sondern am Format: Blickkontakt aus nächster Nähe, das eigene Bild ständig im Blick, kaum Bewegung und mühsam zu lesende Signale. Dagegen helfen kleine Einstellungen, echte Pausen zwischen den Terminen und weniger Video, wo es keins braucht.

Aktualisiert am 8. Oktober 2026 · von Paul Hölzl & Ben Braunsperger
Auf einen Blick
  • Der Begriff gilt für alle Videocall-Programme – Teams, Meet, Webex genauso wie Zoom.
  • Vier Ursachen: naher Dauer-Blickkontakt, Selbstansicht, wenig Bewegung, mehr Denkarbeit für Mimik und Gesten.
  • Sofort wirksam: Selbstansicht ausblenden, Fenster verkleinern, zwischendurch nur Ton.
  • Im Kalender: Termine auf 25 oder 50 Minuten kürzen, damit zwischen zwei Calls Luft bleibt.
  • Im Team: Kamera-Regeln absprechen und prüfen, welche Termine überhaupt Video brauchen.

Was hinter der Müdigkeit steckt

Der Kommunikationsforscher Jeremy Bailenson von der Stanford University hat 2021 in der Fachzeitschrift „Technology, Mind and Behavior“ beschrieben, warum Videocalls mehr anstrengen als Gespräche am Tisch. Er nennt vier Ursachen – und betont, dass es nicht um ein bestimmtes Programm geht, sondern um die Art, wie Videokonferenzen heute gebaut sind:

UrsacheWas dabei passiertGegenmittel
Naher Dauer-BlickkontaktAlle schauen alle an, auch wer gar nicht spricht. Gesichter wirken auf großen Bildschirmen so nah wie sonst nur im engsten Kreis.Call nicht im Vollbild, Fenster kleiner ziehen, mehr Abstand zum Bildschirm
Das eigene BildDu siehst dich stundenlang selbst – als würde dir jemand bei jedem Gespräch einen Spiegel vorhalten.Selbstansicht ausblenden, sobald der Bildausschnitt passt
Wenig BewegungDie Kamera hält dich an einem Fleck. Aufstehen, herumgehen, kritzeln fällt weg.Externe Kamera oder Tastatur für mehr Abstand, zwischendurch Kamera aus
Mehr DenkarbeitZustimmung muss übertrieben gezeigt werden, Blicke zur Seite sind mehrdeutig, Signale kommen verzögert an.„Nur Ton“-Pausen: Kamera aus und für ein paar Minuten vom Bildschirm wegdrehen

Dazu kommt, was jeder aus dem Alltag kennt: Termine, die ohne Pause aneinanderhängen, und der Versuch, nebenbei Mails zu lesen oder mitzuschreiben. Beides verstärkt die Müdigkeit, ist aber leichter zu ändern als die Technik.

Woran du merkst, dass es dich betrifft

Das Forschungsteam um Bailenson hat einen Fragebogen mit 15 Fragen entwickelt, die Zoom Exhaustion & Fatigue Scale (ZEF). Sie fragt nach fünf Arten von Müdigkeit: allgemein, körperlich, sozial, emotional und in der Motivation. Für einen ehrlichen Blick auf den eigenen Alltag reichen ein paar Fragen, die sich daran orientieren:

  • Brennen oder ermüden deine Augen nach einem Tag mit vielen Calls stärker als nach einem Tag mit Bildschirmarbeit ohne Calls?
  • Brauchst du nach Videoterminen Zeit für dich, bevor du wieder mit jemandem reden willst?
  • Schiebst du Aufgaben, die Konzentration brauchen, auf die Abendstunden, weil tagsüber dafür nichts übrig ist?
  • Ertappst du dich dabei, in Calls auf dein eigenes Bild statt auf die anderen zu schauen?
  • Graut dir vor Tagen, an denen der Kalender keine Lücke zeigt?
Die Fragen ersetzen keine medizinische Einschätzung. Wer dauerhaft erschöpft ist, schlecht schläft oder Kopfschmerzen hat, sollte das ärztlich abklären lassen – Videocalls sind dann selten die einzige Ursache.

Fünf Einstellungen, die du heute änderst

Die schnellsten Verbesserungen liegen in den Einstellungen deines Call-Programms und am Schreibtisch. Keine davon kostet etwas:

  • Selbstansicht ausblenden. Teams, Zoom, Meet und Webex bieten die Option, das eigene Videobild für dich auszublenden. Die anderen sehen dich weiterhin. Vorher einmal prüfen, ob Licht und Ausschnitt passen.
  • Kein Vollbild. Zieh das Call-Fenster auf etwa die Hälfte des Bildschirms. Die Gesichter werden kleiner und wirken weniger aufdringlich.
  • Mehr Abstand. Rück einen halben Meter vom Bildschirm weg. Mit externer Tastatur oder Kamera geht das, ohne dass die Arbeit leidet.
  • Sprecheransicht statt Raster. In großen Runden musst du nicht zwanzig Gesichter gleichzeitig verarbeiten. Die Ansicht mit der sprechenden Person reicht meistens.
  • Benachrichtigungen aus. Jedes Pop-up während eines Calls ist ein kleiner Kontextwechsel. Fokus- oder Nicht-stören-Modus an, solange du im Termin bist.

Pausen einplanen, bevor du sie brauchst

Der häufigste Grund für leere Akkus am Nachmittag sind Calls, die nahtlos aneinanderhängen. Wer um 10:00 aus einem Termin geht und um 10:00 im nächsten sitzt, hat weder Zeit zum Durchatmen noch zum Notieren. Outlook und Google Kalender können neue Termine automatisch um fünf oder zehn Minuten kürzen; viele Teams vereinbaren 25 und 50 Minuten als Standarddauer.

Wichtig ist, was in diesen Minuten passiert. Eine Pause, in der du den Posteingang abarbeitest, ist keine. Besser: aufstehen, ans Fenster gehen, etwas trinken, die Augen auf etwas in der Ferne richten. Bei langen Workshops oder Schulungen gehört nach 45 bis 60 Minuten eine echte Pause mit Kamera aus in die Agenda – angekündigt, damit niemand aus Höflichkeit sitzen bleibt.

  • Höchstens zwei Calls am Stück, dann mindestens zehn Minuten ohne Bildschirm
  • Längere Termine mit eingeplanter Pause nach spätestens einer Stunde
  • Mittagspause frei von Terminen halten – auch für die, die „nur kurz“ etwas abstimmen wollen

Nicht jedes Gespräch braucht Video

Bailenson bringt es auf einen einfachen Satz: Nur weil Video geht, muss man es nicht nutzen. Viele Abstimmungen funktionieren als Telefonat oder Audio-Call genauso gut – und lassen sich im Gehen führen. Eine grobe Orientierung:

SituationPassendes Format
Erstes Kennenlernen, heikles Gespräch, FeedbackVideo – Mimik ist hier wichtig
Kurze Abstimmung unter Kolleg:innen, die sich gut kennenAudio-Call oder Telefonat, gern im Gehen
Statusrunde, in der jede Person berichtetSchriftliches Update statt Termin
Gemeinsam an einem Dokument arbeitenBildschirm teilen, Kamera optional
Lange Präsentation mit vielen ZuhörendenKamera nur bei der vortragenden Person, Fragen im Chat

Ob die Kamera im Team grundsätzlich an oder aus sein soll, ist eine eigene Frage mit guten Argumenten für beide Seiten – mehr dazu in Kamera an oder aus im Meeting?. Und wenn der Kalender schlicht zu voll ist, hilft kein Format, sondern nur weniger, bessere Meetings.

Regeln fürs Team

Einzelne können viel ändern, aber die größte Wirkung hat eine gemeinsame Absprache. Sonst traut sich niemand, als Erste die Kamera auszuschalten oder um eine Pause zu bitten. Fünf Regeln, die sich in einer Teambesprechung in zehn Minuten vereinbaren lassen:

  1. Kamera-Pausen sind normal. Wer zwischendurch das Bild ausschaltet, muss das nicht erklären.
  2. Interne Termine standardmäßig 25 oder 50 Minuten, mit Ende zur vollen oder halben Stunde.
  3. Meetingfreie Blöcke im Kalender – wie ihr das einführt, steht in Meetingfreie Zeiten im Team einführen.
  4. Eine Person schreibt mit, die anderen müssen nicht nebenbei tippen und können zuhören.
  5. Video nur, wenn es etwas bringt. Die einladende Person schreibt dazu, ob Kamera erwünscht ist.

Führungskräfte haben hier eine besondere Rolle: Wenn die Chefin selbst die Kamera mal ausschaltet und Pausen einhält, folgt das Team. Wenn sie es nur erlaubt, eher nicht.

Mitschreiben kostet mehr Kraft, als man denkt

Eine Ursache wird oft übersehen: Wer im Call protokolliert, macht drei Dinge gleichzeitig – zuhören, Gesichter lesen und tippen. Dazu kommt der Druck, nichts zu verpassen. Das erhöht genau die Denkarbeit, die Bailenson als einen der Hauptgründe der Müdigkeit beschreibt.

Es hilft, das Mitschreiben im Team zu rotieren, damit nicht immer dieselbe Person nach jedem Call ausgelaugt ist. Und es hilft, nur Ergebnisse festzuhalten statt jedes Wort: Entscheidungen, Aufgaben, offene Fragen. Wie das mit wenig Aufwand gelingt, zeigt Mitschreiben im Meeting. Wer gar nicht mehr tippen will, kann den Call aufnehmen und transkribieren lassen – vorausgesetzt, alle Beteiligten wissen davon und sind einverstanden.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Stand der Angaben: 8. Oktober 2026.

Häufige Fragen
Was ist Zoom-Fatigue?

Zoom-Fatigue bezeichnet die Erschöpfung nach vielen Videokonferenzen. Der Name stammt vom Programm Zoom, gemeint sind aber alle Videocall-Dienste.

Hilft es, die Kamera auszuschalten?

Ja, zeitweise. Schon das Ausblenden der eigenen Selbstansicht entlastet, und kurze Phasen nur mit Ton geben dem Kopf eine Pause von Gesichtern und Gesten.

Wie viele Videocalls am Tag sind zu viel?

Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Entscheidender als die Zahl sind Pausen dazwischen: Wer nach höchstens zwei Calls zehn Minuten vom Bildschirm weggeht, hält deutlich länger durch.

Warum sind Videocalls anstrengender als Treffen vor Ort?

Weil Blickkontakt aus großer Nähe, das eigene Spiegelbild, eingeschränkte Bewegung und schwer lesbare Signale zusammenkommen. Im Raum fallen diese Belastungen weitgehend weg.

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