- Der Begriff gilt für alle Videocall-Programme – Teams, Meet, Webex genauso wie Zoom.
- Vier Ursachen: naher Dauer-Blickkontakt, Selbstansicht, wenig Bewegung, mehr Denkarbeit für Mimik und Gesten.
- Sofort wirksam: Selbstansicht ausblenden, Fenster verkleinern, zwischendurch nur Ton.
- Im Kalender: Termine auf 25 oder 50 Minuten kürzen, damit zwischen zwei Calls Luft bleibt.
- Im Team: Kamera-Regeln absprechen und prüfen, welche Termine überhaupt Video brauchen.
Was hinter der Müdigkeit steckt
Der Kommunikationsforscher Jeremy Bailenson von der Stanford University hat 2021 in der Fachzeitschrift „Technology, Mind and Behavior“ beschrieben, warum Videocalls mehr anstrengen als Gespräche am Tisch. Er nennt vier Ursachen – und betont, dass es nicht um ein bestimmtes Programm geht, sondern um die Art, wie Videokonferenzen heute gebaut sind:
| Ursache | Was dabei passiert | Gegenmittel |
|---|---|---|
| Naher Dauer-Blickkontakt | Alle schauen alle an, auch wer gar nicht spricht. Gesichter wirken auf großen Bildschirmen so nah wie sonst nur im engsten Kreis. | Call nicht im Vollbild, Fenster kleiner ziehen, mehr Abstand zum Bildschirm |
| Das eigene Bild | Du siehst dich stundenlang selbst – als würde dir jemand bei jedem Gespräch einen Spiegel vorhalten. | Selbstansicht ausblenden, sobald der Bildausschnitt passt |
| Wenig Bewegung | Die Kamera hält dich an einem Fleck. Aufstehen, herumgehen, kritzeln fällt weg. | Externe Kamera oder Tastatur für mehr Abstand, zwischendurch Kamera aus |
| Mehr Denkarbeit | Zustimmung muss übertrieben gezeigt werden, Blicke zur Seite sind mehrdeutig, Signale kommen verzögert an. | „Nur Ton“-Pausen: Kamera aus und für ein paar Minuten vom Bildschirm wegdrehen |
Dazu kommt, was jeder aus dem Alltag kennt: Termine, die ohne Pause aneinanderhängen, und der Versuch, nebenbei Mails zu lesen oder mitzuschreiben. Beides verstärkt die Müdigkeit, ist aber leichter zu ändern als die Technik.
Woran du merkst, dass es dich betrifft
Das Forschungsteam um Bailenson hat einen Fragebogen mit 15 Fragen entwickelt, die Zoom Exhaustion & Fatigue Scale (ZEF). Sie fragt nach fünf Arten von Müdigkeit: allgemein, körperlich, sozial, emotional und in der Motivation. Für einen ehrlichen Blick auf den eigenen Alltag reichen ein paar Fragen, die sich daran orientieren:
- Brennen oder ermüden deine Augen nach einem Tag mit vielen Calls stärker als nach einem Tag mit Bildschirmarbeit ohne Calls?
- Brauchst du nach Videoterminen Zeit für dich, bevor du wieder mit jemandem reden willst?
- Schiebst du Aufgaben, die Konzentration brauchen, auf die Abendstunden, weil tagsüber dafür nichts übrig ist?
- Ertappst du dich dabei, in Calls auf dein eigenes Bild statt auf die anderen zu schauen?
- Graut dir vor Tagen, an denen der Kalender keine Lücke zeigt?
Fünf Einstellungen, die du heute änderst
Die schnellsten Verbesserungen liegen in den Einstellungen deines Call-Programms und am Schreibtisch. Keine davon kostet etwas:
- Selbstansicht ausblenden. Teams, Zoom, Meet und Webex bieten die Option, das eigene Videobild für dich auszublenden. Die anderen sehen dich weiterhin. Vorher einmal prüfen, ob Licht und Ausschnitt passen.
- Kein Vollbild. Zieh das Call-Fenster auf etwa die Hälfte des Bildschirms. Die Gesichter werden kleiner und wirken weniger aufdringlich.
- Mehr Abstand. Rück einen halben Meter vom Bildschirm weg. Mit externer Tastatur oder Kamera geht das, ohne dass die Arbeit leidet.
- Sprecheransicht statt Raster. In großen Runden musst du nicht zwanzig Gesichter gleichzeitig verarbeiten. Die Ansicht mit der sprechenden Person reicht meistens.
- Benachrichtigungen aus. Jedes Pop-up während eines Calls ist ein kleiner Kontextwechsel. Fokus- oder Nicht-stören-Modus an, solange du im Termin bist.
Pausen einplanen, bevor du sie brauchst
Der häufigste Grund für leere Akkus am Nachmittag sind Calls, die nahtlos aneinanderhängen. Wer um 10:00 aus einem Termin geht und um 10:00 im nächsten sitzt, hat weder Zeit zum Durchatmen noch zum Notieren. Outlook und Google Kalender können neue Termine automatisch um fünf oder zehn Minuten kürzen; viele Teams vereinbaren 25 und 50 Minuten als Standarddauer.
Wichtig ist, was in diesen Minuten passiert. Eine Pause, in der du den Posteingang abarbeitest, ist keine. Besser: aufstehen, ans Fenster gehen, etwas trinken, die Augen auf etwas in der Ferne richten. Bei langen Workshops oder Schulungen gehört nach 45 bis 60 Minuten eine echte Pause mit Kamera aus in die Agenda – angekündigt, damit niemand aus Höflichkeit sitzen bleibt.
- Höchstens zwei Calls am Stück, dann mindestens zehn Minuten ohne Bildschirm
- Längere Termine mit eingeplanter Pause nach spätestens einer Stunde
- Mittagspause frei von Terminen halten – auch für die, die „nur kurz“ etwas abstimmen wollen
Nicht jedes Gespräch braucht Video
Bailenson bringt es auf einen einfachen Satz: Nur weil Video geht, muss man es nicht nutzen. Viele Abstimmungen funktionieren als Telefonat oder Audio-Call genauso gut – und lassen sich im Gehen führen. Eine grobe Orientierung:
| Situation | Passendes Format |
|---|---|
| Erstes Kennenlernen, heikles Gespräch, Feedback | Video – Mimik ist hier wichtig |
| Kurze Abstimmung unter Kolleg:innen, die sich gut kennen | Audio-Call oder Telefonat, gern im Gehen |
| Statusrunde, in der jede Person berichtet | Schriftliches Update statt Termin |
| Gemeinsam an einem Dokument arbeiten | Bildschirm teilen, Kamera optional |
| Lange Präsentation mit vielen Zuhörenden | Kamera nur bei der vortragenden Person, Fragen im Chat |
Ob die Kamera im Team grundsätzlich an oder aus sein soll, ist eine eigene Frage mit guten Argumenten für beide Seiten – mehr dazu in Kamera an oder aus im Meeting?. Und wenn der Kalender schlicht zu voll ist, hilft kein Format, sondern nur weniger, bessere Meetings.
Regeln fürs Team
Einzelne können viel ändern, aber die größte Wirkung hat eine gemeinsame Absprache. Sonst traut sich niemand, als Erste die Kamera auszuschalten oder um eine Pause zu bitten. Fünf Regeln, die sich in einer Teambesprechung in zehn Minuten vereinbaren lassen:
- Kamera-Pausen sind normal. Wer zwischendurch das Bild ausschaltet, muss das nicht erklären.
- Interne Termine standardmäßig 25 oder 50 Minuten, mit Ende zur vollen oder halben Stunde.
- Meetingfreie Blöcke im Kalender – wie ihr das einführt, steht in Meetingfreie Zeiten im Team einführen.
- Eine Person schreibt mit, die anderen müssen nicht nebenbei tippen und können zuhören.
- Video nur, wenn es etwas bringt. Die einladende Person schreibt dazu, ob Kamera erwünscht ist.
Führungskräfte haben hier eine besondere Rolle: Wenn die Chefin selbst die Kamera mal ausschaltet und Pausen einhält, folgt das Team. Wenn sie es nur erlaubt, eher nicht.
Mitschreiben kostet mehr Kraft, als man denkt
Eine Ursache wird oft übersehen: Wer im Call protokolliert, macht drei Dinge gleichzeitig – zuhören, Gesichter lesen und tippen. Dazu kommt der Druck, nichts zu verpassen. Das erhöht genau die Denkarbeit, die Bailenson als einen der Hauptgründe der Müdigkeit beschreibt.
Es hilft, das Mitschreiben im Team zu rotieren, damit nicht immer dieselbe Person nach jedem Call ausgelaugt ist. Und es hilft, nur Ergebnisse festzuhalten statt jedes Wort: Entscheidungen, Aufgaben, offene Fragen. Wie das mit wenig Aufwand gelingt, zeigt Mitschreiben im Meeting. Wer gar nicht mehr tippen will, kann den Call aufnehmen und transkribieren lassen – vorausgesetzt, alle Beteiligten wissen davon und sind einverstanden.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung. Stand der Angaben: 8. Oktober 2026.